„Leben kann man nur vorwärts,
Leben verstehen nur rückwärts.“
Soeren Kierkegaard
Willkommen zurück!
Vor vier Tagen habe ich meine fünf Kernfragen erwähnt, die ich persönlich für besonders wichtig halte. Am 3. Januar ging es dann darum, wo ich hin will. Das war aber nur ein erster Einstieg in dieses große Thema. Von den Zielen, die ich mir gesetzt habe und den Wegen, auf denen ich sie erreiche, wird hier in diesem Blog noch oft die Rede sein. Doch heute möchte ich gemeinsam mit Dir über die erste dieser grundlegenden Fragen nachdenken: Woher komme ich?
Um sie zu beantworten, muss ich mich ganz an den Anfang begeben, an den Anfang meines eigenen Lebens. Doch wo beginnt meine Geschichte? Ist es der 9. Februar 1963, der Tag, an dem meine Mutter mich zur Welt gebracht hat? Oder die Nacht, in der meine Eltern sich geliebt haben? Und was war davor? Was hat alles dazu beigetragen, mich eines Tages entstehen zu lassen?
Wo waren sie verstreut, diese zig Milliarden und Milliarden und Milliarden von Atomen, aus denen ich entstanden bin? In welcher Pflanze, welchem Stein, welchem Tier, welchem Gesicht waren sie, bevor sie sich in mir zusammengefunden haben? Und noch davor, bevor das Leben erschien, und noch lange bevor sich die Erde selbst aus dem Staub der Sterne geformt hatte – wo sind sie gewesen, die Teile dieses Puzzles? Und hat es schon irgendetwas von dem gegeben, was ich heute bin, am Anfang des Anfangs, als die Welt aus dem Nichts auftauchte? – Wenn ich mir all diese Fragen stelle, erkenne ich deutlich, wie eng meine eigene Geschichte mit der Geschichte des gesamten Universums verbunden ist.
Sternenkind
Nicht nur die heiligen drei Könige sind einem Stern gefolgt. Der Sternenhimmel hat die Menschen schon immer fasziniert und ihnen Orientierung gegeben. Auch ich schaue in klaren Nächten gerne hinauf zum Firmament. Und oft scheint es, als riefen die Sterne mir zu: „Jürgen, wach auf! Wir sind ein Teil von dir und du bist ein Teil von uns!“ – Ja, es stimmt! Der Stoff, aus dem ich bestehe, die Erde, auf der ich gehe, und die Luft, die ich atme, sind vor Milliarden von Jahren aus dem Innern von Sternen entstanden, die inzwischen längst erloschen sind. Das Universum ist meine Heimat. Ich bin ein Teil von ihm. Und wenn ich mein Leben besser verstehen und den Sinn meines Lebens erkennen will, gelingt mir das wohl am besten, wenn ich zuerst einmal das große Ganze betrachte und mich mit den Zusammenhängen beschäftige, die das Leben – und damit auch mich – hervorgebracht haben. Wie fing alles an und wie ging es weiter?
Am Anfang war das … große Fragezeichen
Am Ursprung des Ursprungs, am Anfang des Anfangs, da war nichts. Nur ein dunkles – Nichts. Schwärzer als eine Nacht ohne Mondschein, schweigsamer als ein Kartäusermönch, viel leerer als mein Kopf, wenn mir das treffende Wort fehlt.
Ohne Zeit, ohne Raum. Ohne Materie oder Energie. Es gab absolut nichts. Doch irgendwie entstand aus diesem Nichts heraus etwas unvorstellbar Kleines. Und zusammen mit diesem Etwas, als Teil davon, entstanden plötzlich die Zeit, der Raum und alle anderen Wunder.
Gab es am Anfang wirklich nichts? Oder gab es vielleicht doch schon eine Reihe von Naturgesetzen oder Kräften? Doch woher kamen sie? Wer erdachte sie? Waren die Gesetze einfach da? Gab es da etwas, das wir heute Gott nennen würden? Oder war es einfach die Natur selbst? Und war es wirklich ein Anfang, oder vielleicht sogar die Mitte oder das Ende einer Entwicklung, eines Kreislaufs? Wie ich es auch drehe und wende: Irgendwann stoße ich immer an die Grenze dessen, was ich wissen kann.
Menschen aller Zeiten und Kulturen haben sich über die Entstehung der Welt und des Menschen ihre Gedanken gemacht. Wissen wir heute wirklich so viel mehr? Letztlich bleibt die Antwort auf die Frage nach dem Anfang uns selbst überlassen. Jeder von uns muss sich entscheiden, ob er der Wissenschaft, den Schöpfungsmythen der Religionen oder wem auch immer glauben will, oder ob er sich seine eigene Vorstellung davon macht, wie alles begann.

Erste Schritte
Wie dem auch sei: Irgendwann war das Universum entstanden und in den ersten Bruchteilen einer Sekunde machte es mehr Umwandlungen durch, erfuhr es eine größere Fülle von Ereignissen als in all den folgenden Milliarden von Jahren, die dahingehen sollten mit der Erzeugung von Sternen und dem Aufbau von Milchstraßen.
Das neugeborene Universum lernte mit einer bemerkenswerten Geschwindigkeit. Es ging ihm da genauso wie uns, als wir noch ganz klein waren. Als Babys entdeckten wir innerhalb weniger Monate, wie wir atmen mussten, essen, Gesichter und Gegenstände erkennen, kriechen, laufen, zeichnen, sprechen und, und, und. Wie lange brauchen wir dagegen heute, als Erwachsene, um eine bedeutende neue Fertigkeit zu beherrschen?
Teilchengetümmel
Nachdem der Startschuss gefallen war, wurden ungeheure Energien frei. Und als das zunächst unglaublich heiße Miniuniversum ein wenig abkühlte, erstarrte ein Teil dieser Energie zu Elementarteilchen. Das Universum war noch keine Sekunde alt, da war es bereits angefüllt mit endlos vielen herumschießenden, zusammenstoßenden und sich gegenseitig beeinflussenden subatomaren Teilchen. An diesem Tanz waren viele Partner mit seltsam klingenden Namen beteiligt: Quarks, Protonen, Neutronen, Photonen, Elektronen, Positronen, Neutrinos und wie sie alle hießen. Und zu jedem gab es auch noch ein Antiteilchen. Ein Physiker hätte seine helle Freude an dem wilden Treiben gehabt.
Es schien fast, als ob die kosmischen Kräfte jede erdenkliche Verwandlung von Energie und Materie erprobten. Dabei löschten sich Teilchen und Antiteilchen bei ihrer Begegnung gegenseitig aus. Und nur der Tatsache, dass es aus irgendeinem Grund mehr Teilchen gab, verdanken wir, dass es uns gibt. Dieser Überschuss war entscheidend. Mit diesen übriggebliebenen Materieteilchen konnten die Gravitation und all die anderen universellen Kräfte später Sterne, Gesteine und Lebewesen zusammenbauen – wie Dich und mich. Aber dazu kommen wir später.

Es werde Licht
Einige dieser Teilchen waren etwas ganz Besonderes: die Photonen. Sie entstanden, wenn ein Teilchen und ein Antiteilchen aufeinandertrafen. Wie gesagt, vernichteten sie sich dann gegenseitig vollständig. Dabei setzten sie die vorher in ihnen eingeschlossene Energie in der Form eines Paars völlig neuer Teilchen frei, eben diesen Photonen. Und die waren von ganz anderer Art. Denn es waren Lichtteilchen. Ein Regenbogen, ein Stern im Orion, das Lächeln der Mona Lisa und dieser Text hier: Licht kann dies alles sein – oder wenigstens das, was uns diese Bilder erkennen lässt.
Ein solches Lichtteilchen bestand aus reiner Energie. Und diese Photonen bewegten sich mit Lichtgeschwindigkeit, der größten uns heute bekannten Geschwindigkeit überhaupt. – Doch damit nicht genug: Wenn nun zwei Photonen zusammenprallten und gemeinsam genug Energie hatten, dann konnte aus ihnen ein neues Paar Materieteilchen, ein Teilchen und sein Antiteilchen entstehen. Hier schließt sich der Kreis, so dass wir sagen können: Materie und Energie sind die zwei Seiten der gleichen Münze. Die Materie ist lediglich geformte Energie. Und nun lass uns das kurz zu Ende denken – - – DU UND ICH, WIR SIND LICHT!
Mit diesem Gedanken verabschiede ich mich für heute und wünsche Dir einen schönen Dreikönigstag. Dieser Artikel wird mehrere Fortsetzungen haben, denn es warten noch spannende Entdeckungen auf uns:
- die Entstehung der ersten Atome und Moleküle,
- die Pracht der Sterne und Galaxien,
- die Geburt der Sonne und der Erde,
- das Erwachen des Lebens,
- die Entwicklung von der ersten Zelle bis hin zu uns Menschen.
Du darfst also gespannt sein.
Der zweite Teil erscheint voraussichtlich am nächsten Wochenende. Bis dahin melde ich mich immer mal wieder mit leichterer Kost.
Bis morgen,
Dein Jürgen
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Schlagworte: Anfang, Leben, Licht, Staunen, Sternenstaub, Universum